Wir sind ja schon am Freitagvormittag in London angekommen, hatten aber einen etwas umständlichen Flug. In Wien sind wir 30 Minuten später abgeflogen, waren aber trotzdem noch zu früh in London und mussten dort erst auf einen Bus warten, der uns vom Flieger abgeholt hat. Ist mir auch noch nie passiert. Als wir dann endlich draußen waren und mit dem Zug in die Stadt unterwegs waren, musste dieser auch noch kurz anhalten – und so hat sich London diesmal ein wenig bitten lassen. Schlussendlich sind wir dann aber doch in der City angekommen.

Die City of London, wie dieser Stadtteil offiziell heißt, ist nicht wirklich das Zentrum der Stadt. Es gibt in London ohnehin kein klassisches Zentrum, auch wenn die City natürlich der älteste Stadtteil ist, in dem schon die Römer vor fast 2000 Jahren stationiert waren. Noch heute kann man kleine Teile der ehemaligen römischen Stadtmauer sehen. Die City ist auch nicht das eigentliche Finanzzentrum – das liegt weiter östlich an der Themse und heißt Canary Wharf. Die City ist aber sozusagen der Ursprung allen Übels, nämlich des Kapitalismus. Dort gibt es fast ausschließlich Büros, meist gefüllt mit „Steuerberatern“, deren einzige Aufgabe es ist, Vermögen möglichst steuerschonend zu parken.

Die City of London ist außerdem eine Art Stadt in der Stadt. Das geht weit in der Geschichte zurück, und nicht einmal die Queen – oder heute eben der King – darf die City ohne vorherige Anfrage betreten. Es gibt eine eigene Polizei, einen eigenen „Bürgermeister“ und vieles mehr. Aber ich will dich jetzt nicht mit den Details der City langweilen. Mir geht es nur darum zu erklären, dass es eben nicht das eigentliche Stadtzentrum ist und dort auch kaum Menschen wohnen.

Das hat allerdings den Vorteil, dass man an den Wochenenden dort relativ günstige Hotelzimmer bekommt. Außerdem kann man, wenn einem der sonstige Trubel zu viel wird, gut in die City ausweichen, weil dort am Wochenende buchstäblich tote Hose herrscht. Fast alles hat geschlossen, und es sind nur wenige Menschen weit und breit unterwegs.

Und hier nur eine ganz kurze Übersicht: Die City ist dick rot markiert, ganz rechts davon liegt Canary Wharf, neben der City Whitechapel (wo Jack the Ripper sein Unwesen trieb) und oberhalb davon Shoreditch. Links oben befindet sich Camden Town. Links der Mitte sieht man die beiden blauen Striche – Oxford Street und Regent Street – und der rote Pfeil zeigt nach links, weil man Notting Hill auf der Karte nicht mehr sieht.
Du siehst also, es verteilt sich alles sehr schön – und das war jetzt nur ein ganz grober Überblick.

Whitechapel war früher sozusagen der Arbeiterbezirk, weil sich von dort nach Osten entlang des Themseufers die ganzen Fabriken und Lagerhallen befanden. Das war vor über 100 Jahren eine wirklich üble Gegend. Als dann die Fabriken geschlossen wurden und auch die Hafenanlagen verschwanden, siedelten sich vor allem Menschen aus den ehemaligen Kolonien an – insbesondere aus Indien und Pakistan. Vor allem deshalb, weil das Wohnen dort damals noch günstig war. Das hat sich mittlerweile komplett geändert, und ich glaube, in ganz London gibt es heute kaum noch Gegenden, in denen Wohnen wirklich leistbar ist. Eine 50-m²-Bude liegt im Durchschnitt bei rund 2.000 Euro Miete – und da wohnt man noch nicht einmal in einer besonders guten Gegend.

Ähnlich ist es in Shoreditch. Dort lebten früher viele Künstler und Musiker, weil es noch leistbar war. Heute ist es hip – und teuer. Es wurde viel abgerissen und neu gebaut. Überhaupt wird in London ständig gebaut. Ich habe diesmal wieder realisiert, dass in den 14 Jahren, in denen ich nach London fahre, eigentlich permanent Baustellen vorhanden waren. Ich habe der Stadt beim Wachsen praktisch zusehen können – und es geht immer noch weiter.

Camden Town ist so etwas wie der Hippie-Bezirk – Neubaugasse mal 100, sozusagen. Er liegt auch sehr nett am Regent Canal. Und Notting Hill wirst du vermutlich aus Filmen kennen: sehr schön, sehr hip – und natürlich unleistbar.

Das kleine blaue Kreuz ist das Hotel wo ich öfter war aber in Zukunft wohl nicht mehr. Die haben da nämlich eine Rooftop Bar mit dieser View:

Aber die Bar wurde vor ein paar Jahren umgebaut, und damit wurde auch ein anderes System eingeführt. Früher konnte man einfach rauffahren, reingehen, sich etwas bestellen und sich dort hinsetzen – oder hinstellen –, wo eben gerade Platz war. Heute gibt es nur noch Table Service. Schon beim Lift muss man quasi einchecken, und dann wird man irgendwo an einen Tisch gesetzt. Man kann sich zwar danach frei bewegen, aber früher konnte man selbst im Winter draußen sitzen – das scheint jetzt nicht mehr möglich zu sein. Überhaupt ist alles irgendwie ungemütlicher geworden. Auch die Weinkarte wurde geändert, aber nicht zum Positiven, und die Wochenendangebote sind längst nicht mehr so günstig wie früher. Das Hotel selbst ist inzwischen auch nichts Besonderes mehr – es ist halt okay. Anyway.

Ich liebe die Tower Bridge. Für mich ist sie der Inbegriff des viktorianischen Englands. Wenn ich früher einmal dort gelebt haben sollte, dann ganz sicher in dieser Zeit. Diese Gegend fühlt sich für mich am vertrautesten an.

Ich habe in der Zwischenzeit vermutlich buchstäblich tausend Fotos von der Tower Bridge aufgenommen. Aber sie hat für mich nichts von ihrer Faszination verloren. Sie – und der Big Ben – sind meine Lieblingsgebäude. Obwohl ich dieses Mal, ich glaube zum ersten Mal überhaupt, nicht beim Big Ben war.

Und der Turm heißt eigentlich gar nicht Big Ben, sondern so heißt nur die Glocke darin. Aber das hat sich einfach so eingebürgert. Früher hieß der Turm Clock Tower und heute Elizabeth Tower, nachdem er 2012 zum Diamantjubiläum der Queen ihr zu Ehren umbenannt wurde.

Das Bild ist von 2011, ganz unten von 2023 – mit Blick auf die City. Da ist die Gherkin noch fast das höchste Gebäude. Links sieht man bereits die neue Baustelle des Fenchurch Buildings, das von allen nur „The Walkie-Talkie“ genannt wird.

Es ist auch auf dem linken Bild und mittleren Bild im Vordergrund zu sehen. Das gesamte Stadtbild hat sich also erst in den letzten 20 Jahren völlig neu gebildet; davor gab es praktisch keine Hochhäuser in der Stadt. Auf dem Bild rechts siehst du außerdem, dass der Shard Tower noch eine Baustelle ist – den gab es also damals auch noch nicht. Ich habe leider gar kein aktuelles Bild von der City, sollte ich aber wieder einmal machen, allein schon zum Vergleich.

Das ist von 2023, die Baustelle die zu sehen ist, ist heute auch schon fertig.

Walkie-Talkie und Shard Tower

Ich weiß jetzt gar nicht, ob dich das alles so interessiert – ich verliere mich immer ein bisschen, wenn ich über London erzähle. Und nachdem du noch gar nicht dort warst, wollte ich einfach einmal einen grundsätzlichen Überblick geben. Auch wenn die City sehr speziell ist und eigentlich gar nicht das „normale“ Leben in London abbildet, finde ich sie unglaublich anziehend und interessant. Vor allem, weil sie ja der älteste Teil der Stadt ist.

Leider haben es die Briten nicht besonders mit Denkmalschutz und haben sehr viel von der alten Stadt abgerissen, um moderne Bürokomplexe hinzustellen. Bei den Kirchen allerdings haben sie sich zum Glück nicht drübergetraut. Und genau dadurch entstehen diese fast surrealen Bilder, in denen eine alte Kirche, komplett von modernen Bürogebäuden umgeben, einfach dasteht.

Unten ist außerdem ein Überbleibsel der alten römischen Stadtmauer zu sehen. (Ach ja, rechtes Bild ist die Gherkin, für mich das schönste Hochhaus in London. Das Gebäude strahlt wirklich eine sehr spezielle Energie aus. Als würde man neben einem riesigen Bergkristall stehen.)

Und oben in der Kuppel der Gherkin ist ja ein Restaurant und eine Bar mit dieser View.

to be continued….