Das waren jetzt spannende Tage – zuerst Deutschland, dann Italien – und plötzlich vergeht die Zeit und ich bin wieder in Wien. Und auch wenn all meine Themen immer und überall als leichtes Hintergrundrauschen präsent sind, lenkt das Unbekannte doch ein wenig ab. Jetzt aber, zurück im Gewohnten, lässt die Ablenkung massiv nach, und all diese Themen stehen wieder vor mir.
Und weil das Jahr sich dem Ende zuneigt, konfrontieren sie mich mehr denn je – und manche davon werden unangenehm.
Das ist die Basis meines Grundrauschens. Keine stabile Grundlage, um mit anderen Themen adäquat umgehen zu können. Und da ich wieder zuhause bin, werde ich auch wieder überdurchschnittlich mit Lea konfrontiert. Das ist eine feine Gradwanderung: Mit ihr bin ich immer konfrontiert, aber hier gibt es eben weniger Ablenkung.
Ich denke, du verstehst, was ich meine.
Und ja, ich weiß: Du fragst mich immer wieder, warum das alles so ein großes Thema für mich ist. Warum ich mich nicht einfach zurücklehnen kann und alles seinen Weg gehen lasse. Einfach vertrauen. Es „werden“ lassen.
Aber so einfach ist das nicht, alter Freund.
Warum das nicht so einfach ist – dafür muss ich dir etwas über den größeren Kontext erzählen. Ich spüre gerade viele Parallelen zu dem, was vor elf Jahren passiert ist. Rückblickend sage ich ja immer, das waren damals Prüfungen. Prüfungen, um eine wirklich großartige Beziehung mit Lea haben zu können. Und damals habe ich diese Prüfungen bekanntermaßen nicht bestanden.
Jetzt habe ich das Gefühl, diese Prüfungen wiederholen sich. Nicht im selben Schweregrad wie damals – sondern viel, viel intensiver.
Ich möchte dir von diesen Parallelen erzählen. Nicht als Ausrede, nicht als Schuldzuweisung. Einfach, damit du verstehst, warum ich damals gescheitert bin und warum ich jetzt wieder an einem ähnlichen Punkt stehe. Damit ich nicht wie ein kompletter Volltrottel dastehe.
Also: Ich hab dir ja von unserem ersten richtigen Treffen am Donaukanal erzählt. Oh Mann, was für ein Abend. Mir war es damals gar nicht bewusst, aber als Lea ankam, war es um mich geschehen. Ich dachte „Wow“, meinte aber „Das ist die Frau meines Lebens“.
Ich könnte jetzt stundenlang weiter erzählen, aber ich will dir ja von dem erzählen, was mich damals gebrochen hat – warum meine „Prüfung“ so den Bach runterging.
Natürlich ist vieles subjektiv, und nach elf Jahren verschwimmt einiges. Aber der rote Faden ist noch da.
Von Anfang an war das Thema klar: Lea war zum Zeitpunkt unseres ersten Treffens noch mit ihrem Freund zusammen.
Ein Thema wie jetzt – nur damals weniger drastisch, denn heute ist sie verheiratet.
Wir haben uns damals viel geküsst, und das war unglaublich. Ich wollte aber keinen Sex, solange der damalige Status noch bestand.
Heute ist es umgekehrt: Ich würde gerne küssen – und Lea will nicht, solange der aktuelle Status noch besteht.
Es ist also irgendwie das gleiche Thema, nur anders gedreht.
Damals trafen wir uns öfter, küssten uns, aber fast immer musste sie wieder nach Hause. Ihr Freund – oder Ex-Freund, es war nicht klar definiert – war ständig präsent. So wie jetzt. Nur dass wir heute eben nicht küssen.
Dann kam Weihnachten. Ich weiß noch, wie Lea mich kurz davor besucht hat, mir eine coole Lampe schenkte, die sie, glaube ich, selbst gemacht hat, und meinte: „Wir sehen uns bald.“
Ich ging also davon aus, dass wir Silvester zusammen verbringen würden. Ich rechnete fest damit. Und dann die Nachricht: Nein. Sie würde mit ihrem Freund/Ex-Freund nach Kroatien fahren.
WTF.
Davor gab es schon diese Aktion, wo sie plötzlich schrieb, dass wir uns nicht treffen können, weil sie mit eben jenem Freund/Ex-Freund nach Budapest gefahren sei. Sie musste „dringend weg“. Mit Couchsurfing oder sonst irgendwas. Jedenfalls war er dabei.
Und so ging das hin und her.
Es hörte meiner Meinung nach nie wirklich auf.
Ich merke gerade, dass ich gar nicht mehr weiter Geschichten aufzählen will, weil es mich jetzt, während ich dir das schreibe, traurig macht. Ich wollte dir nur etwas Kontext geben, warum für mich diese vielen Parallelen auftauchen und warum ich mich wieder in einer Prüfungssituation fühle – diesmal jedoch viel drastischer.
Damals dachte ich natürlich, es ist nicht machbar. Aber im Vergleich zu heute war es fast harmlos.
Wobei – harmlos war es natürlich nicht. Wenn ich daran denke, sage ich mir: Wow. Das war schon auch zäh.
Aber gut, das ist der Hintergrund. Damit du verstehst, warum ich heute so viele Parallelen sehe.
Wobei ich dazu sagen muss: Lea reagiert heute ganz anders. Damals spürte ich Distanz, ich spürte diese immense Energie zwischen uns nicht so stark wie heute. Vieles war anders.
Jetzt habe ich das Gefühl, Lea ist in vielen Punkten ein anderer Mensch geworden. Heute ist das Problem eher, dass sie in ihrer Welt gefangen ist und der Übergang in unsere gemeinsame Welt im Moment so schwer ist.
Und noch tragischer ist: Ich kann ihr nicht wirklich helfen, obwohl ich es gerne würde.
Heute hat sie mir geschrieben, dass sie Angst hat. Angst vor allem. Ich verstehe das. Ihre Situation ist wirklich „org“. Und auch ich habe Angst vor so vielem.
Vielleicht sollte ich meine Ängste einmal aufzählen. Vielleicht würde es besser werden, wenn ich überhaupt wüsste, wie viele es sind.
Wenn ich ehrlich bin: Meine größte Angst ist, etwas zu sagen, das Lea unter Druck setzen könnte. Das will ich auf keinen Fall. Lea kann mit Druck gar nichts anfangen – sie reagiert regelrecht allergisch. Und das verstehe ich.
Darum fällt es mir schwer, mich überhaupt in diese Richtung zu äußern.
Eigentlich möchte ich am liebsten gar nichts sagen.
Aber gleichzeitig rumort es in mir. Ich frage mich: Wie geht das weiter? In welchen Zeitdimensionen denken wir?
Ich möchte am liebsten sofort mit Lea zusammen sein. Sie auch – das vermittelt sie mir – aber sie sagt gleichzeitig, es kommt alles zur rechten Zeit.
Für mich wäre die rechte Zeit morgen. Für sie kommt dir rechte Zeit dann halt.
Manchmal habe ich das Gefühl, sie möchte den Kopf in den Sand stecken und warten, bis sich alles „richtig ergibt“. Ich glaube, dass man manche Dinge zumindest auf den Weg bringen muss, damit sich das Richtige ergeben kann.
Kannst du diese Gedankengänge nachvollziehen?
Glaub mir, alter Freund, ich will nichts forcieren, nichts überstürzen. Ich will keinen Druck ausüben, keine Schuld verteilen.
Ich bräuchte nur einen kleinen Hoffnungsschimmer.
Etwas, das zeigt: Es entwickelt sich etwas.
Dass diese Traumwelt, die wir uns geschaffen haben, langsam beginnt, sich zu manifestieren.
Heute ist ein seltsamer Tag. Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll.
Es fühlt sich an, als hätte sich ein „Shift“ getan. Ein Ruck im Universum.
Alles ist intensiver, stärker, wilder. Ich vermisse Lea wie noch nie zuvor – und dieses Vermissen hat plötzlich eine ganz neue Qualität.