Kapitel 1

Du musst eines wissen, alter Freund: Alles, was ich dir jetzt erzähle, bleibt unbedingt unter uns. Du wirst mir vermutlich nicht glauben, aber es hat sich genau so zugetragen, wie ich es dir beschreibe. Auch wenn du zweifelst – es war wirklich im Jahre 2025 unseres Herrn, und genauso ist es passiert.

Eigentlich wollte ich gar nicht zurück nach Wien. Ich wusste, was das alles wieder auslösen würde. Und gerade, als ich den Faden festhalten wollte… war er schon weg. Komplett. Weil ich gedanklich plötzlich irgendwo ganz anders war.

Du wirst es nicht glauben, aber ich bin gerade in Venedig. Zumindest fühlt es sich an wie das erste Mal, obwohl ich früher schon einmal hier war. Nur ist das so lange her, dass ich mich kaum noch erinnern kann. Aber die Geschichte beginnt ja viel früher.
Wobei – fürs Erste reicht es, eine Woche zurückzugehen.


Eine Woche zuvor

Ich war mit dem Auto auf dem Weg nach Deutschland, voller guter Dinge. Ich wollte einen alten Freund besuchen – nennen wir ihn Jörg. Wir sehen uns nicht oft, aber zwischen uns gibt es diese ganz besondere Verbindung. Du weißt schon, diese Art Freundschaft, die aus dem Nichts entsteht und dann einfach bleibt.

Unser erstes Treffen liegt zwölf Jahre zurück. Ich war damals in einer ziemlich freien, experimentierfreudigen Phase, in der ich beschlossen hatte, alles Mögliche auszuprobieren. Also besuchte ich ein Seminar in Deutschland. Ich komme dort an, kenne niemanden, steh herum, trinke Tee – im wahrsten Sinne des Wortes –, und plötzlich kommt dieser Typ auf mich zu. Groß, breit, offen. Er umarmt mich einfach und sagt:
„Hallo, schön, dass du da bist.“

Und ich denk mir: Äh… ok. Freu mich auch.
Aber genau daraus ist diese Freundschaft entstanden, die bis heute hält. Unglaublich, eigentlich.

Und genau diesen Jörg wollte ich wiedersehen. Ich hab mich wirklich gefreut.


Die Fahrt

Ich also los, raus aus der Stadt, hoch in den Wienerwald – und es beginnt zu schneien. Und wie! Da war ich dann schon sehr dankbar über die neuen Winterreifen. Der Schneefall begleitete mich fast bis Linz, und ich dachte mir: Schön wär’s, wenn es jetzt aufhören würde und die Straße trocken wird, vielleicht ein bisschen Sonne…

Tja. Achte auf deine Wünsche, du kennst das ja.
Die Sonne kam raus, die Straße wurde trocken – nur meine Scheibenwischer-Waschanlage war leer. Perfekt. Ich hatte also Dreck auf der Scheibe und konnte nichts tun, bis ich endlich irgendwo Reinigungsmittel bekam. Danach ging’s wieder.

Und schwupps – acht Stunden später war ich im Hunsrück. Ein wirklich schönes Stück Deutschland, das mich sofort ans Waldviertel erinnert hat. Nur größer, weiter, wilder. Und wunderschön.

Ich kam bei Jörgs neuer Adresse an – er ist im Sommer von Heidelberg hierher gezogen – und wir umarmten uns. Es war die helle Freude.


Gedanken über Lea

Auf der langen Fahrt hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Und natürlich dachte ich viel über Lea nach. Du weißt schon – die Frau, von der ich dir erzählt habe. DIE Frau. Die sich als die wirkliche Liebe meines Lebens herausgestellt hat.

Ich hatte dabei ein paar richtig tiefe, schöne Gedanken… und am nächsten Tag waren sie weg. Einfach weg. Was ich schade fand, weil ich sicher bin, es waren wichtige Erkenntnisse. Andererseits… zwischen Lea und mir ist vieles ohnehin ausgesprochen. Sie weiß, was ich fühle. Ich habe wirklich versucht, zu vermitteln, was für eine filmreife Liebesgeschichte das hier ist.

Aber ich schweife ab.


Das Vermissen

Es war wirklich schön in Deutschland – aber immer dann, wenn etwas besonders schön ist, taucht dieses Gefühl auf. Du kennst das: Dieses „Es fehlt jemand“-Ding. Dieses „Ich wünschte, sie wäre jetzt hier“. Nicht irgendjemand – sondern Lea.

Ich hatte auf der Reise einige „Vermiss-Anfälle“, wie ich das nenne. Immer wenn ich etwas Schönes erlebte, war da dieser Wunsch, es mit genau einer Person zu teilen. Und das ging eben nicht. Das hat die Freude ein bisschen getrübt. Sollte es das? Ja, eigentlich schon. Der Mensch ist kein Einzelgänger. Die meisten Erlebnisse sind stärker, wenn man sie gemeinsam erlebt.

Und so stand ich dann im Hunsrück – wo es übrigens wirklich kalt werden kann – und freute mich über die Umgebung, während in meiner Brust dieses Ziehen war. Das kennst du sicher.


Die Rückfahrt nach Wien

Irgendwann war die Zeit um, und ich fuhr zurück nach Wien. Das Wetter hatte bei der Heimfahrt definitiv schlechte Laune. Von Nürnberg bis Passau hat’s durchgehend geschneit, teilweise schon Schneefahrbahn. Anstrengend. Und dann ist man einfach froh, heil zuhause anzukommen.

Aber oh je. Ich komme an… und Lea fährt weg.

Ich hab dir ja erzählt, dass es für mich schwieriger wird, je weiter sie von mir entfernt ist. Wenn sie nicht in der Stadt ist – oder schlimmer: nicht im 2. Bezirk. Keine Ahnung, was da los ist, aber je größer die Entfernung, desto stärker spüre ich ihre Abwesenheit. Und dieses Mal war es ein doppelter Effekt.

Ich bekam wieder einen dieser heftigen „Vermiss-Anfälle“. Manchmal schreibe ich ihr dann darüber, und das bringt mich in ein Tief – traurig, frustriert, hilflos. Du kennst das sicher. Es ist zum Schreien.

Ich glaube, ich sollte in solchen Momenten eigentlich gar nichts schreiben. Diese Tiefs… die sollte man manchmal einfach vorbeiziehen lassen wie dunkle Wolken. Meistens sind sie am nächsten Tag ohnehin wieder vorbei, und plötzlich bin ich wieder besserer Dinge. Und das ist auch gut so, denn ich will weder nervig wirken noch möchte ich, dass Lea sich unnötig Sorgen macht. Noch schlimmer wäre, wenn sie sich in irgendeiner Weise unter Druck gesetzt fühlen würde. Das wäre die völlig falsche Botschaft, und das weiß ich genau.

Viel Zeit zum Grübeln blieb mir ohnehin nicht. Kaum war ich zurück in Wien, musste ich einiges erledigen. Und am nächsten Tag ging es schon weiter: Steiermark. Und von dort – fast ohne Pause – in aller Früh der Start nach Venedig. Eine Busreise.

Und wie das begonnen hat… puh. Gleich zu Beginn kam eine Art Panikattacke hochgeschossen. Einfach so. Aus dem Nichts. Herz schneller, Gedanken schneller, Körper hektisch. Zum Glück habe ich mich bald wieder im Griff gehabt, tief geatmet, die Augen geschlossen, mich gesammelt. Danach war die restliche Fahrt überraschend angenehm – ruhig, fast meditativ.

Und dann komme ich in einer der wahrscheinlich romantischsten Städte der Welt an: Venedig.

Habe ich erwähnt, dass ich mit meinen Eltern unterwegs war?

Es mag vielleicht ungewöhnlich wirken, in meinem Alter noch gemeinsam mit den Eltern zu reisen. Aber erstens mache ich das wirklich nicht oft, und zweitens kann es schön sein, wenn man solche Erlebnisse ab und zu noch miteinander teilt. So etwas wird ja mit den Jahren nicht mehr selbstverständlich.

Wobei… natürlich ist die Beziehung zu meiner Mutter etwas – wie soll ich sagen – asynchron. Wir geraten öfter in eine gewisse… Schieflage. Ein paar kleine Spitzen hier, ein unbedachter Kommentar dort, und schon kann’s krachen. Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Fetzen fliegen.

Und – wie sollte es anders sein – genau das ist auch in Venedig passiert.
Aber dazu später mehr.